Die folgenden Artikel stammen aus "Naturschutz heute", dem Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Auf der Homepage www.nabu.de sind viele weitere interessante Beiträge zum Naturschutz nachzulesen.
2. Flugkünstler vor dem Absturz
Kiebitz-Steckbrief
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Name
Kiebitz alias Vanellus vanellus aus der Familie der Regenpfeifer. Auch bekannt
unter Kiwit, Giwwik, Riedschnepfe, Feldpfau, Geißvogel und Muttergottestaube.
Körpermaße
Mit 28 bis 32 Zentimetern etwa taubengroß und 150 bis 280 Gramm schwer.
Unveränderliche
Kennzeichen
Gefieder kontrastreich mit metallisch glänzender schwarzer Oberseite und
weißer Unterseite mit schwarzem Brustband sowie abstehender "Federholle"
am Hinterkopf. Ruft seinen Namen "kie-witt", bei der Balz im Flug
auch gereiht "chie-uit, wit-wit-wit, chää-wit".
Nahrung
Würmer, Insekten und deren Larven, auch Pflanzensamen.
Fortpflanzung
Je nach Witterung von März bis Juni, hauptsächlich im April und Mai.
Eine Jahresbrut, bei deren Verlust erfolgen meist Nachgelege. Nest als flache,
mit Gras ausgepolsterte Mulde am Boden. Gelege meist vier birnenförmige,
olivbraune, schwärzlich gefleckte Eier, rund 25 Gramm schwer. Brutdauer
26 bis 29 Tage. Die Küken sind Nestflüchter und können mit 35
bis 40 Tagen fliegen.
Lebensraum
Offenes, flaches und feuchtes Dauergrünland, also Wiesen, Weiden und Überschwemmungsflächen;
in neuerer Zeit verstärkt auf Feldern und Äckern. Rastet zur Zugzeit
auf abgeernteten Feldern, gemähten Wiesen, Schlammflächen und an offenen
Ufern.
Verbreitung
Von der Atlantikküste im Westen (Irland, Spanien, Marokko) über ganz
Europa und Mittelasien bis an die Pazifikküste im fernen Osten Russlands.
Dabei bleiben der äußerste Norden Europas und Asiens, das südliche
Asien und weite Teile des Mittelmeerraumes ausgespart.
Bestand
In Deutschland zwar nahezu flächendeckend verbreitet, aber in höheren
Lagen und im Süden seltener als im Norden; fehlt über 900 Metern Höhe.
Deutscher Gesamtbestand knapp 100.000 Brutpaare.
Gefährdung
Im ursprünglichen Lebensraum hauptsächlich durch Entwässerung
und frühe Wiesenmahd, auf Äckern und Feldern durch Trockenheit und
landwirtschaftliche Arbeiten. Bruterfolg in Deutschland fast nirgendwo mehr
zur Bestandssicherung ausreichend; in der bundesweiten Roten Liste ist der Kiebitz
in Kategorie 3 als "gefährdet" eingestuft.
Flugkünstler vor dem Absturz nach oben
von Peter H. Barthel und Helge May
Der Kiebitz leidet unter Nachwuchsmangel. Erfolgreiche Bruten sind Mangelware, der bundesdeutsche Kiebitzbestand vergreist. Ohne schnelle Hilfe wird die Zahl der Vögel weiter rapide abnehmen.
Wie die meisten seiner Vorgänger seit 1971 ist der Kiebitz ein Zugvogel, hält sich also nur zeitweise in Deutschland auf. Im Gegensatz zu vielen anderen weit reisenden Arten aus der Watvogel-Verwandtschaft ist der Kiebitz aber ein Kurzstreckenzieher, der je nach Herkunft sehr unterschiedliche Zuggewohnheiten hat. Die in Deutschland brütenden Kiebitze ziehen nach Westen und Südwesten. Sie verbringen den Winter meist an der Atlantikküste Frankreichs, Spaniens und Portugals, teilweise auch in Nordwestafrika, dort vor allem in Marokko. Einige überwintern auch im Süden der Britischen Inseln.
Lange hält es der Kiebitz in den meisten Gegenden Deutschlands nicht aus. Im Februar und März angekommen, machen sich vor allem Männchen kurz nach dem Schlüpfen der Küken schon ab Mai wieder auf den Weg. Dieser "Zwischenzug" führt die Vögel in großen Trupps nach Norddeutschland und an die Kanalküste, wo ruhige Mauserplätze aufgesucht werden. Die flüggen Jungvögel folgen Ende Juni. Die Zwischenetappe im nordwestlichen Mitteleuropa hat einen ökologischen Sinn, denn die Überwinterungsgebiete in Südwesteuropa werden für den Kiebitz erst dann attraktiv, wenn dort der Winterregen den trockenen Boden aufweicht und so die Nahrungssuche erleichtert.
Bei
Frost Massenflucht
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Im August beginnt der eigentliche Wegzug, der einen so langen Zeitraum umfasst,
dass selbst im Oktober und November noch große Kiebitzscharen auf abgeernteten
Feldern zu sehen sind. Erst mit dem Einsetzen stärkeren Frostes kommt es
zu einer plötzlichen "Massenflucht" vor dem hereinbrechenden
Winter. In rastenden Trupps stehen oft alle Tiere wie Wetterfahnen zusammen,
etwas geduckt mit dem Kopf gegen den Wind ausgerichtet. In milden Wintern überwintern
insbesondere in Norddeutschland einige Kiebitze auch bei uns.
Salto
mortale über der Wiese
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Sobald der Vogel des Jahres 1996 im zeitigen Frühjahr in ihrem Brutgebiet
eingetroffen ist, beginnt er mit seiner imposanten Balz: Das Männchen fliegt
zunächst eine längere Strecke mit tief ausholenden Flügelschlägen
niedrig über den Boden. Dann steigt es plötzlich mit raschen Schlägen
fast senkrecht zehn und mehr Meter nach oben und ruft dabei laut und heiser
"chää-chwit". Nach einigen Metern Geradeaus-Flug folgt kopfüber
ein dramatischer Absturz mit "Salto mortale". Der Kiebitz wirft sich
auf den Rücken, schlägt laut rufend ein bis zwei purzelbaumähnliche
Rollen in der Luft und fängt den Sturz kurz vor Erreichen des Bodens mit
einigen schnellen Flügelschlägen ab.
Bei der Bodenbalz läuft das Männchen mit steifen Schritten und etwas angehobenen Flügeln auf das Weibchen zu und richtet sich hoch auf. Dann wippt es mit dem Körper, zuckt mit den Flügeln und senkt sich vornüber mit der Brust auf den Boden, um das Zeremoniell des "Scheinnistens" einzuleiten. Die weit abgespreizten Flügel werden leicht aufgestellt, die eingeknickten Beine führen scharrende Bewegungen in einer imaginären Nistmulde aus. Nach dem Aufstehen werden ruckartig Grashalme über die Schulter geworfen.
Eine der so entstandenen Nestmulden wird schließlich mit Halmen ausgelegt und beherbergt später das vier Eier zählende Gelege. Männchen und Weibchen bebrüten die Eier etwa vier Wochen lang. Bereits einige Tage vor dem Schlüpfen sind aus dem Inneren der Eier erste Piepslaute zu hören.
Flinke
Küken
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Die Küken verlassen die Nestmulde, sobald sie nach dem Schlüpfen getrocknet
sind. Sie nehmen von Anfang an ihre Nahrung selbst auf, werden von den Eltern
lediglich bewacht und in den ersten zwei Wochen vom Weibchen nachts gewärmt.
Dem Warnruf der Eltern gehorchend drücken sie sich bei Gefahr sofort flach
auf den Boden und vertrauen auf ihre ausgezeichnete Tarnfärbung
oder sie rennen schnell in die Deckung von Pflanzen oder Bodenmulden.
Die Altvögel verteidigen mutig ihren Nachwuchs, wobei sich häufig benachbarte Paare beteiligen. Durch Alarmrufe, Drohgebärden und Angriffsflüge soll der Eindringling verscheucht oder durch das Vortäuschen einer Verletzung fortgelockt werden. Wird man als Spaziergänger von aufgebrachten Kiebitzen umflogen, sollte man auf Kiebitzküken am Boden achten, denn diese verlassen ihr Versteck erst nach der Entwarnung durch die Altvögel. Oft werden die Kleinen von ihren Eltern zu Fuß über Entfernungen von bis zu einem Kilometer in nahrungsreichere Gebiete geführt. Schon im Alter von fünf bis sechs Wochen können die Jungvögel fliegen und werden selbständig.
Einbeinig
auf Beutejagd
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Kiebitze ernähren sich vor allem von Insekten und deren Larven sowie Schnecken
und Würmern. Der Jahresvogel 1996 ortet seine Beute nicht nur mit den Augen,
sondern auch akustisch. Das "Bodenklopfen" oder "Fußtrillern"
dient zum Hervorlocken von Bodentieren. Den Schwerpunkt auf ein Standbein verlagernd,
wippt der Kiebitz mit dem anderen Bein rasch vibrierend auf und ab, ohne die
Zehen vom Boden zu lösen. So können Regenwürmer aus Schlammflächen
oder blankem Ackerboden getrieben werden.
In den weichen, nahrungsreichen Boden der Feuchtwiesen kann der Kiebitz mit seinem Schnabel leicht eindringen und an Beute gelangen. Auch zur Brut sind diese Flächen geeignet, denn durch die langanhaltenden Überschwemmungen setzt das Pflanzenwachstum erst spät ein, die Vegetation bleibt niedrig und lückig. Hier kann sich auch der frühzeitig eigenständig umherstöbernde Nachwuchs mühelos bewegen.
Ackerbruten
aus Verzweiflung
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Doch die meisten natürlichen Moore und Sümpfe sind heute längst
entwässert. Auch die menschengemachten Kiebitzbiotope der feuchten Wiesen
und Weiden, die um die Jahrhundertwende noch weiträumig zu finden waren,
haben sich in den letzten Jahrzehnten durch die Intensivierung der Landwirtschaft
stark gewandelt. Aus "Verzweiflung" brütet der Kiebitz heute
auch auf Äckern, Feldern und intensiv genutzten Wiesen. Hier überleben
aber meist nicht genug Jungvögel, um den Fortbestand der Art zu sichern.
Die großen Trupps, die bei uns während der Zugzeiten auftreten, sind
keine einheimischen Kiebitze, sondern Vögel aus den heute noch weitgehend
intakten Feuchtgebieten Osteuropas. Dort sind viele der Kiebitze geboren, die
nun bei uns zu brüten versuchen.
Zahlreiche regionale Untersuchungen zeigen übereinstimmend: Die deutschen Kiebitzbestände nehmen stark ab. So nahm die Zahl der Kiebitze auf einer 600 Hektar großen Untersuchungsfläche nahe des holsteinischen Storchendorfes Bergenhusen während der letzten zehn Jahre von 113 auf 24 Brutpaare ab. Im hessischen Landkreis Waldeck-Frankenberg wurde ein Rückgang um 92 Prozent ermittelt. Die Intensivierung der Landwirtschaft, das Trockenlegen von feuchtem Grünland und die Ausweitung von Siedlungen und Industrieanlagen haben dem Kiebitz den Lebensraum genommen.
Treue
wird nicht belohnt
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Kiebitze sind sehr standorttreu, sie halten an ihrem alten Nistplatz früherer
Jahre fest, auch wenn nach ihrer Rückkehr aus dem Winterquartier aus der
Wiese ein Getreidefeld geworden ist. Doch auf den Äckern fällt rund
ein Drittel aller Nester der Landwirtschaft zum Opfer. Sie werden von Landmaschinen
zerstört oder vom raschen Pflanzenwuchs überwuchert. Ausgerechnet
die aus Sicht des Umweltschutzes unliebsamen Maisäcker lassen dem Kiebitz
eine kleine Chance, da zwischen Aussaat und erster Bearbeitung häufig ein
ausreichend langer Zeitraum liegt. Allerdings bieten die Äcker für
die Jungtiere nicht ausreichend Nahrung.
Auch auf trockengelegten Wiesen ist die Nahrungssuche erschwert, weil der Boden durch die Entwässerung schnell hart und trocken wird. Aufgrund der starken Düngung stehen die Halme so eng und schießen so schnell in die Höhe, dass die Tiere kaum noch zwischen ihnen hindurchlaufen und über sie hinwegblicken können. Auch werden die Wiesen im zeitigen Frühjahr gewalzt oder geschleppt, gemäht wird heute viel früher oft schon vor Mitte Mai und das mit schnell fahrenden Kreiselmähern. Viele Gelege werden zerstört, bereits geschlüpfte Küken werden getötet.
Nachwuchsrate
im Keller
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Wissenschaftler haben errechnet, dass pro Kiebitzpaar jährlich 1,3 Jungvögel
flügge werden müssten, damit die natürliche Sterblichkeit ausgeglichen
wird. Jedoch reicht in Deutschland die Nachwuchsrate kaum noch aus, um den Bestand
zu erhalten. Einige Vorkommen haben überhaupt keinen Bruterfolg mehr; in
den meisten Regionen liegt er zwischen 0,2 und 0,6 Jungvögeln pro Paar.
Oft wird mehr als die Hälfte der brütenden Kiebitze eines Gebietes
von Zuwanderern gebildet, die sich auf dem Rückzug den hier heimischen
Kiebitzen angeschlossen haben. Hinzu kommt, dass Kiebitze bis zu 25 Jahre alt
werden können. Einmal erwachsen geworden, versuchen sie jedes Jahr aufs
Neue, sich fortzupflanzen unter Umständen ein Leben lang vergeblich.
Deshalb braucht der Vogel des Jahres 1996 unsere Hilfe. Auenrenaturierung und die Wiedervernässung von Feuchtwiesen leisten hier wichtige Beiträge. Gebiete, die zum rasten und brüten besonders geeignet sind, müssen vor zerstörerischen menschlichen Eingriffen bewahrt werden. Auch naturschonende Bewirtschaftungsformen helfen dem Kiebitz. Der Bruterfolg steigt, wo Weiden mit nicht mehr als einem Rind pro Hektar bestückt sind und wo bei Wiesen auf Mineraldünger und Gülle verzichtet und die Mahd auf ein bis zwei Schnitte pro Jahr reduziert wird. Ökolandbau mit einer geringeren Bodenverdichtung und Beeinträchtigung des Bodenlebens erleichtert ihm die Nahrungssuche.
Die
Politik ist gefragt
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Langfristig wird der Kiebitz nur dann eine Chance haben, wenn eine generelle
Änderung der Agrarpolitik eingeleitet wird. Nicht Überschussproduktion,
sondern eine an den tatsächlichen Bedürfnissen orientierte bäuerliche
Landwirtschaft ist anzustreben. Umfassende Extensivierungs- und Naturschutzprogramme
können diese Entwicklung fördern. Doch nach wie vor wird der umgekehrte
Weg beschritten. In Osteuropa, wo der Kiebitz heute noch günstige Lebensbedingungen
findet, treibt man mit Geldern der Europäischen Union weitreichende Entwässerungen
und die Industrialisierung der Landwirtschaft voran. Bald wird auch von dort
kaum noch ein Kiebitz nach Deutschland kommen, um uns vorzugaukeln, es gebe
noch eine "heile Kiebitz-Welt".